Geschichte des Wäschewaschens
Uromas Waschtag

Fleißige Wäscherinnen

Ein anstrengender Waschtag – "Seff die Wäscherin" geschrieben von Maria Hauser

Der Tag ist grau und trist. Später November. Im Waschhaus am Bach zieht es wie in einem Vogelhäusel. Wie gut, dass die Lauge noch immer so heiß ist! Solange die Hände warm bleiben, ist die zugige Kälte etwas erträglicher. Aber das Wäscheschwemmen im eiskalten Wasser fürchtet die Seff. Eigentlich heißt sie Josefa. Aber wer hält sich denn an einen solchen Namen? Keiner! Die Seff ist eine mittlere Vierzigerin, doch in einen Spiegel hat sie schon lange nicht mehr geschaut. Seit zwanzig Jahren wäscht sie für feinere Herrschaften und ist froh um jeden Waschplatz. – Als Wäscherin hat sie ihre Kinder großgezogen, bis sich eines nach dem anderen selber ernähren konnte, und sie hat ihren Mann versorgt, bis ihn die Lungenkrankheit umgebracht hat.
      Das erträumte Glück mit ihm war nur sehr kurz gewesen. Ein schöner Traum, den sie gemeinsam geträumt hatten, ein junges Paar, fleißig, strebsam; er, als Schneidergeselle sehr geschickt, und sie, ein Dienstmädchen.
      Sie würden heiraten und eines Tages in eine schönere Wohnung ziehen, in eine mit mehr Licht, in einer besseren Gegend, und vielleicht zwei, drei Kinder haben, je nachdem –. Die Kinder waren gekommen, eines nach dem anderen, bis es vier waren, sie hatte jeden Schilling dreimal umgedreht, ehe sie ihn ausgab, hatte gespart, wo sie konnte. Aus der schöneren Wohnung war trotzdem nichts geworden! Der Mann hatte angefangen Blut zu spucken und ständig Fieber zu haben–. Da hat die Seff aufgehört, von einer besseren Wohngegend zu träumen. Sie hat ihre Ärmel aufgekrempelt, um für die besseren Leute, die dort wohnten, die Wäsche zu waschen. Sie hat gebürstet und gerumpelt und nicht an ihre jungen Jahre gedacht, oder daran, dass die Waschlauge nicht nur an ihren Händen fraß.
      Und kaum, dass der Jüngste aus dem Haus war, und sie dachte nun würde es leichter werden, ist der Älteste heim gekommen und sie hatte sich an seinem Aussehen erschreckt: Wie sein Vater, damals! Er hatte sich ins Bett gelegt, so jung, – wie sein Vater.
      Und dann ist der nächste gekommen. Die Lungenkrankheit sei ansteckend, hatte ihr der Doktor erklärt. Aber warum erwischte diese schreckliche Krankheit nicht auch sie?
Die Seff steht am Waschtisch, sie nimmt ein Wäschestück nach dem anderen aus der heißen Lauge, um es an jenen Stellen, die durch das Vorwaschen und Kochen nicht sauber geworden sind, noch einmal einzuseifen und zu bürsten.
      Beim Doktor Müller wird nur dreimal im Jahr gewaschen: vor Ostern, im Hochsommer und vor dem Advent. Und meistens ist es so, dass auf den Waschtag hin besonders die Leibwäsche fast zur Gänze aufgebraucht ist, daher wird sie ziemlich lange getragen –. Außen hui, innen pfui! sagt der Volksmund.
      Wenn die Seff die Truhe aufmacht, um die angesammelte Schmutzwäsche vor dem Einweichen zu sortieren, steigt ihr ein unbeschreiblicher Gestank entgegen. Aber das ist nicht nur beim Doktor Müller so.
      Während der Sommermonate sind die Waschtage angenehmer als jetzt, nicht nur, weil die Sonne scheint und der Bach nicht so kalt ist, sondern auch, weil die Wiesenbleiche der Wäsche gut tut, und es so praktisch ist, sie gleich nach dem letzten Ausschwemmen an die Wäscheleine zu hängen zum Trocknen. Die Tage sind lange hell, und sie kann am späten Abend die saubere, trockene Wäsche mit dem Handkarren heim fahren. Aber jetzt, im November, schaut alles ganz anders aus und ist viel zeitaufwendiger. – Und um das Maß voll zu machen, hat die Gnädige gemeint, die Seff müsse diesmal etwas sparsamer umgehen mit der Seife, und sie habe viel zu viel Soda verbraucht beim Waschtag im Sommer. Aber sauber soll die Wäsche trotzdem werden!
      Die Gnädige hat ja keine Ahnung! - Der Seff liegt eine Entgegnung auf der Zunge und bleibt dort liegen. Inzwischen fällt der Gnädigen noch etwas ein. Sie hat in einem Frauenmagazin gelesen, die Wäsche werde durch das Rumpeln viel zu sehr strapaziert. Also bitte nur bürsten! - Die Seff denkt an die Leintücher, die in der Mitte und an den Fußenden "schwarz" sind, und an die Kopfkissen, die von der Haarpomade "Klacheln" haben, – und an die Unterhosen vom gnädigen Herrn.
      Neulich hat die Margret, sie ist eine "Neue" im Waschhaus erzählt, sie habe etwas gehört von Waschmaschinen, solche solle es irgendwo geben, aber das sei sicher nur ein dummes Gerede gewesen, denn wie soll eine Maschine wissen, an welchen Stellen die Wäsche besonders schmutzig ist! – Die Margret ist jung, so wie die Seff damals, als sie die Ärmel aufgekrempelt hatte, um nicht mehr zu träumen. Aber die Margret träumt noch: Schön wär das schon, hat sie gemeint, wenn es eine Maschine gäbe, in die man die schmutzige Wäsche hineinsteckt, um sie nach einiger Zeit sauber gewaschen herauszunehmen. Aber so etwas gibt es eben nicht!
      Darüber könne sie froh sein, hatte die Seff gesagt, denn dann würden die feinen Leute keine Wäscherinnen mehr brauchen. – Aber wie sollten wir ohne Waschplätze leben? Wenn du als Wäscherin fleißig bist und genau, wenn du dir nichts zuschulden kommen lässt, brauchst du um deinen Arbeitsplatz nicht zu fürchten. – Aber die Margret träumt eben noch, sie hat gemeint, irgendwas tät´ sich sicher finden.
      Jetzt ist November. Der Tag ist grau und trist. Die Wäsche muss nach dem Einseifen und Bürsten gut ausgeschwemmt werden, um nicht zu vergilben. Das Bachwasser ist eisig kalt, und die Kälte kriecht der Seff durch den ganzen Körper, obwohl sie im Sechterl warme Lauge aufgehoben hat, um darin ihre Hände von Zeit zu Zeit aufzuwärmen. Sie fühlt sich ausgefroren und müde. Ihr Tagewerk war lang. Seit vier Uhr in der Früh ist sie auf den Beinen. Nun heim! Die Wäsche muss noch auf den Trockenboden. Gebügelt wird erst übermorgen. - Als die Seff mit der nassen Wäsche ankommt, ist die Gnädige ziemlich ungehalten. „So spät!" sagt sie. Die Seff werde immer langsamer! Nun ja, sie sei eben nicht mehr die Jüngste.
      Die Seff war fleißig und genau, und sie hat sich nichts zuschulden kommen lassen! Aber beim nächsten Waschtag im Frühling wird trotzdem eine jüngere Wäscherin beim Doktor Müller waschen. – Die Seff spürt in der Herzgegend ein Stechen, weil sie ein Mensch ist, und weil es einem Menschen weh tut, wenn er mir nichts dir nichts ausrangiert wird. Nicht mehr die Jüngste! Sie denkt an das Gespräch mit Margret und deren Träume. Wer weiß, vielleicht hätte auch sie, trotz allem, nicht aufhören sollen zu träumen. Vielleicht sind Träume, gerade in der Not, so wichtig wie ein Stück Brot, denkt die Seff. Sie hängt sich an diesen Gedanken und er hat für sie etwas Tröstliches, etwas von Hoffnung.


aus Maria Hauser, "Nur eine kleine Weile", © bei Franz Steinmaßl, Edition Geschichte der Heimat, A-4263 Grünbach